WAZ, 10.12.2010: Wendepunkt: „Ein Job bleibt hier nicht nur Vision“

Arno Broll (55) hat beim „Wendepunkt“ seinen Busführerschein gemacht und bald einen Job. Das Projekt wird von der Wittener Gesellschaft für Arbeit und Beschäftigungsförderung koordiniert.Foto: Fischer / WAZ FotoPool

WAZ, 10.12.2010. „Wer hier Hilfe sucht, der kriegt sie auch.“ Da sind sich die fünf Teilnehmer des Modellprojekts für Langzeitarbeitslose bei der Wabe einig. Und sie können jene nicht verstehen, die das Projekt „Wendepunkt“ unlängst heftig kritisierten.

Klar, diese Maßnahme, die im besten Fall die Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt zum Ziel hat, ist ungewöhnlich. „Ich wusste nicht, was mich hier erwartet“, erinnert sich Marion Böker (57). Auch Erhard Marschke (55) sagt, er habe eine ganze Weile gebraucht, um die Methode des so genannten Selbstvermittlungscoachings zu verstehen. Visionen über ihre berufliche Situation in fünf Jahren sollten die Teilnehmer zunächst formulieren. Alles war erlaubt. Deshalb träumte Marschke, der arbeitslose Ingenieur, der sich in den letzten Jahren intensiv um seine Eltern kümmerte, vom Firmensitz auf einer Insel im Mittelmeer.

Im Wendepunkt wurde dem Wittener, der irgendwann die Lust aufs Bewerbungen schreiben verlor, klar: „Ich will was machen.“ Am liebsten wäre er selbstständig, „aber da fehlen mir Kontakte“. Er besuchte während des Projekts Existenzgründungsseminare, merkte, dass für solch einen Schritt viel Unterstützung notwendig ist, und bewirbt sich jetzt doch erst mal wieder bei Elektronikfirmen. Viel Zeit hat er während des Projekts am PC verbracht und dabei zum Beispiel – wie andere Teilnehmer auch – einen Flyer erstellt, auf dem er für sich und seine Fähigkeiten wirbt.

Arno Broll ist 55. Er arbeitete als Steuermann auf einem Binnenschiff und war die letzten vier Jahre ohne Job. Beim Arbeitsamt kriegte er zu hören, er sei zu alt. Bei der Wabe durfte er, dessen Vision es zunächst war, Fotograf zu werden, immerhin den Busführerschein machen. Broll nutzte die Chance, hat nun schon verschiedene Angebote und freut sich auf seine Rückkehr in die Berufswelt.

Die steht auch bei Toni Merstallinger, der vor zwei Jahren von München nach Witten kam, kurz bevor. Ab 1. März hat der 42-Jährige eine Festanstellung bei einer Friedhofsgärtnerei, bei der er zuvor ein Praktikum absolvierte. Gut, er träumte eigentlich von einem Job im Gastgewerbe. Schließlich arbeitete er früher in der Kantine eines großen Unternehmens. Weil er aus gesundheitlichen Gründen nichts mehr mit Lebensmitteln zu tun haben darf, reifte die Idee, Lkw- oder Kurierfahrer zu werden. Aber: „Ich habe schon tausend Bewerbungen geschrieben und nur Absagen bekommen.“

Jede Anstellung und jede Maßnahme, die bei der Suche danach hilft, sei besser als „zuhause dumm rumzusitzen“, findet Helga Faber (47). Sie war 27 Jahre lang Hausfrau und Mutter. Am liebsten würde sie jetzt in der Kindertagespflege arbeiten. Doch eine Fortbildung bezahle die Jobagentur nicht. Deshalb sei sie jetzt erst mal mit einem 400-Euro-Job in einem Kiosk zufrieden. „Ich bin nicht ungern hierhin gekommen“, sagt Helga Faber über den Wendepunkt.

„Wir haben viel Spaß gehabt, uns untereinander sehr geholfen und viel Auftrieb bekommen“, bestätigt Marion Böker. Für die gelernte Industriekauffrau ist es die vierte Maßnahme. Noch hat sie keine Stelle gefunden. Doch sie weiß: „Bei meinem Alter muss man realistisch bleiben.“ Vorstellen könnte sie sich, tageweise in Firmen auszuhelfen. „Die Hoffnung auf einen Job“, sagt sie, „die stirbt zuletzt.“

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